Inleiding door Dr. Josef Gülpers, kunsthistoricus, bij de vernissage van 'Sternenstaub' op 5 oktober 2019, Galerie Kunstwerk-Aachen

"Seit über vierzig Jahren bin ich als Kunsthistoriker und Kunstsammler in Europa, in Deutschland, hauptsächlich in der Gegend in und um Aachen unterwegs, ich kenne nahezu alle Künstler der Region, ich glaube, fast alles gesehen zu haben. Und dann – wie wunderbar, dass es solche Augenblicke gibt – dann begegne ich einem Künstler, den ich noch nicht kannte und dessen Werk mich umhaut.

So geschehen bei Luc ten Klooster. Danke!

Vielleicht, ehe wir zu seiner Kunst kommen, ein wenig über seinen überaus interessanten Werdegang. Luc ten Klooster entstammt einer Künstlerfamilie. Der Großvater war ein nicht unbedeutender Maler und Grafiker, der Vater Bildhauer. Luc ten Klooster entschied sich zunächst jedoch, nicht in deren Fußstapfen zu treten, sondern absolvierte eine klassische Ausbildung in Maastricht zum Konzertpianisten. Ein Beruf, dem er dreißig Jahre nachging.

Sich darüber hinaus visuell auszudrücken, war ihm aber immer ein Bedürfnis und so begann er als Autodidakt analog und in der Hauptsache schwarz/weiß zu fotografieren und in der eigenen Dunkelkammer die Negative zu entwickeln. Bald folgten Porträt- und Reportageaufträge. Ihn interessierten aber auch die vielen Möglichkeiten, die über die Entwicklung eines Negatives hinausging. Er experimentierte und verknüpfte unterschiedlichste Techniken.

Vor knapp zwanzig Jahren beendete er seine Konzerttätigkeit und widmete sich ausschließlich der Fotografie, wobei man bei diesen Werken kaum noch von Fotografie sprechen kann. Aber die Fotografie ist grundlegendes Medium, auf welchem er seine Kunst aufbaut. Zum Teil verlässt er völlig das Gebiet der Fotografie und schafft Installationen, Raumobjekte und Videoarbeiten.

Inspiriert wird er von historischen Quellen, von Mythen und Legenden. Und dann sind wir bei dem Hauptwerk der heutigen Ausstellung: Ecce Homo!

Ein Fries von zehn Metern Länge, einen Meter siebzig Höhe, vier Teile, eine Arbeit von nahezu drei Jahren, wozu er einundzwanzig Modelle benötigte, um nicht zu sagen: verschliss.

Es sind einzelne fotografierte Szenen, am Computer zusammengefügt. Und die Bilder sind nicht auf irgendein Papier gedruckt, sondern auf rund 400 Seiten eines alten, in lateinischer Sprache verfassten Messbuches. Zum Teil sieht man noch die durchscheinende schwarze und rote Schrift. Und somit ist die Wahl dieses Bildträgers sowohl ein konzeptueller als auch ein künstlerischer Ansatz.

Zum Titel: Ecce Homo!

Ein uraltes Motiv in der christlichen Tradition der Kunstgeschichte. In der ursprünglichen Fassung des griechischen Textes des Johannes-Evangeliums heißt es: ἰδοὺ ὁ ἄνθρωπος (idoù ho ánthropos), Ecce homo, Siehe, der Mensch!

Johannes beschreibt, wie der römische Statthalter Pontius Pilatus dem Volk den gefolterten, in ein purpurnes Gewand gekleideten und mit einer Dornenkrone gekrönten Gefangenen Jesus von Nazareth vorstellt. Er, der Römer, sieht keinen Grund für eine Verurteilung. Seht, der Mensch, ist keine Verspottung, sondern bedeutet: Das ist nur ein Mensch! Die Führung der Juden aber fordert die Kreuzigung.

In der Bildtradition sieht man den zur Schau gestellten Jesus, Pilatus, oft das ihn verspottende Volk von Jerusalem. Die ersten Darstellungen dieser Art finden sich im 9. und 10. Jh. im syrisch-byzantinischen Kulturkreis. Weite Verbreitung findet das Motiv im 15. und 16. Jh. als zentrales Thema abendländischer Frömmigkeit. Albrecht Dürer, Martin Schongauer, Hans Holbein, Hieronymus Bosch.

Womit wir wieder bei Luc ten Klooster sind, der Pieter Breughel und Hieronymus Bosch als wichtige Vorbilder für sich angibt.

Aber auch im Barock bei Rubens und Tizian ist das Thema zu finden. Im 19. und 20. Jh. wird das Motiv als Bild für das Leiden und die Entwürdigung des Menschen durch Gewalt und Krieg in seiner Bedeutung erweitert. Bekannte Darstellungen der Moderne sind Lovis Corinths Ecce homo von 1925, das Jesus mit einem als Arzt gekleideten Pilatus und einem Soldaten aus der Perspektive der betrachtenden Menge zeigt, und Otto Dix' Ecce homo mit Selbstbildnis hinter Stacheldraht von 1948. Eine Darstellung des Motivs durch Elias Garcia Martinez konnte 2012 betrachtet werden.

Ein uraltes Thema, ein aktuelles Thema, eine große Reihe bedeutender Künstler, der sich Luc ten Klooster anschließt.

Aber er kopiert nicht, er variiert nicht, er bringt etwas Neues. Wir sehen keinen Christus, keinen Pilatus. Wir sehen Szenen aus dem menschlichen Leben, Ecce Homo.

Aber noch ein anderes Thema, ebenfalls der traditionellen, christlichen Bildtradition verwandt, spielt eine Rolle. Das Jüngste Gericht. Sie kennen es alle: In der Mitte Christus, der Weltenrichter. Schauen Sie auf das zweite Bild von rechts! Dort sehen Sie eine weibliche Gestalt mit der Waage. Das Symbol der Gerechtigkeit.

Bei traditionellen Gemälden sieht man rechts die Verdammten, die von teuflischen Ungeheuern in die Unterwelt gezerrt werden, auf der linken Seite helfen Engel den Seeligen in das Paradies zu gelangen. Luc ten Klooster zeigt eine Phase vorher. Auf seinem rechten Bild sind Menschen zu sehen, die schlechte Taten begehen, die sündigen; auf der linken die guten Taten.

Seine Modelle überzog der Künstler mit einer dicken Lehmschicht, ehe er sie fotografierte. Der Lehm lässt die Figuren plastisch erscheinen, so schaut ein Bildhauer. Gleichzeitig mahnt der Lehm, der Staub an die Vergänglichkeit. Aus Staub bist du gemacht, zu Staub wirst du zurückkehren.

Meine Damen und Herren, denken Sie an den Titel der Ausstellung: Sternenstaub. Obwohl ich mir nicht ganz sicher bin, ob die Verfasser der Bibel Sternenstaub meinten, aus dem Gott den Menschen schuf.

Luc ten Klooster sieht sich selbst jedoch nicht als religiösen Künstler, ja, er bezeichnet sich selbst nicht einmal als religiös, sondern sieht seine Arbeit eher in einem allgemeinen Sinn. Es gebe gute und schlechte Taten, gute und schlechte Menschen und die Waagschale ist für ihn nicht nur ein Symbol der Gerichtbarkeit, sondern des Ausgleichs, der Mitte, der Balance.

Das zweite Bild von links präsentiert kurze Texte in Latein über den Menschen. Texte: Um die gesamte Arbeit ist ein Text platziert: Ein Gedicht des niederländischen Schriftstellers Harrie Sevriens, der 2018 verstorben ist.

Links oben: Im Grunde ist der Mensch ein Glücksritter. Sing, denn ohne Gesang bist du nur ein Ding. Körper flüstern, was Herzen sehnend flüstern, und so weiter

Aber nicht nur in der bildenden Kunst wird das Motiv Ecce Homo seit 2000 Jahren aufgegriffen. Vielleicht hilft uns beim Verständnis Friedrich Nietzsche, der seiner Schrift Ecce Homo den Untertitel beifügte: Wie man wird, was man ist!

Und ich denke, das spielt auch hier bei diesen Arbeiten eine gewichtige Rolle. Was wir tun, bestimmt uns, zeigt wer wir wirklich sind.

"Ich bin ein Teil von jener Kraft, die stets das Böse will und stets das Gute schafft." Goethe hat es ähnlich formuliert.
Brecht antwortet auf die eigene Frage mit einem kleinen Gedicht:

Ja, ich weiß, woher ich stamme,

Ungesättigt gleich der Flamme

Glühe und verzehr’ ich mich.

Licht wird alles was ich fasse,

Kohle alles, was ich lasse,

Flamme bin ich sicherlich.

 

Aus den vielen entstandenen Bildern hat Luc ten Klooster einige Motive herausgenommen, die er einzeln hier präsentiert. Die Wirkung ist eine völlig andere.

Ein paar Hinweise noch zu einigen anderen Arbeiten, auch wenn diese Arbeit der absolute Eyecatcher ist. Bei dem Werk In Medio stat Virtus – in der Mitte steckt die Energie – ist erneut dieser Gedanke der Ausgeglichenheit zu spüren. Die Schüssel, die die Frau vor ihren Bauch hält, symbolisiert den Mond, die Schüssel hinter ihrem Kopf die Sonne. Vorne die Frau, dahinter der Mann, Adam und Eva, Yin und Yang, gut und schlecht. In der Mitte, in der Ausgeglichenheit steckt die Energie.

Communicatio. Kommunikation. Wieder auf Papierseiten gedruckt, dieses Mal auf die Seiten eines Telefonbuches. Der Künstler stellt das Früher und das Heute im Bereich der Kommunikation gegenüber. Früher Briefe – heute Mails mit Smilies. Auf der rechten Seite ein handgeschriebener Text. Luc ten Klooster fand vor Jahren auf der Champs Elysee eine Postkarte mit diesem Text, ungefähr übersetzt: Wir treffen uns morgen Früh, Leonie.

Der Sitzenden sind Worte des heutigen Sprachgebrauchs in den Mund gelegt: Oh, my God, shit!

Luc ten Klooster arbeitet nicht nur im zweidimensionalen Raum. Ab Ovo ist eine plastische Arbeit. Lehm, Knochen, ein Stock und ein Ei. Eines Tages kam ihm die Idee zu dem Werk, er setzte es um, und als seine Frau am Nachmittag nach Hause kam, fragte er sie um ihre Meinung und sagte: Das ist ein Eierstock!
Ab Ovo, eine Sentenz aus dem Lateinischen, bedeutet vom Ei an, also beginnend beim Ursprung, in Verbindung mit dem Knochen: von Anfang bis Ende.

Womit wir wieder beim Staub, beim Lehm und beim Thema der Vergänglichkeit angelangt sind".